Modern Primitive- join madness

Little Porny: das vorletzte Zweihorn

Eigentlich wollte ich an jenem Abend bloss gemütlich ein, zwei Bierchen zwitschern im lokalen Pub. Also schwang ich mich voller Vorfreude auf mein Fahrrad und düste los, damit ich nicht zu spät kam. Es herrschte eine geisterhafte Stimmung an diesem dunklen, kalten Herbstabend. Plötzlich trat wie aus dem Nichts eine heftige Windböe auf und bliess mir eine Ladung Laub mitten in die Fresse. An einem schönen, grossen Blatt von einem Lindenbaum, welches mir genau auf der Nase hängen blieb, haftete noch der leckere Duft von abgestandener Hundekacke. „Na super“, flüsterte ich vor mich hin und stieg ab, um mir mit dem Aermel das Gesicht abzuwischen.

In diesem Moment geschah etwas Unglaubliches. Wie durch Zauberhand verdichtete sich der Nebel vor mir und formte sich zu einer Art Kugel. Ehe ich mich versah, sprang aus dieser Nebelkugel ein schwarzes Einhorn – nein halt – es hatte zwei Hörner; ich korrigiere: es sprang also ein schwarzes Zweihorn direkt auf mich zu und schnaubte herrisch: „Ich bin Little Porny, das bescheuerte Zweihorn. Du kannst hier nicht vorbei.“ „Ach ja? Bist Du zufällig schon einmal kopfüber durch den Abwasserschacht gerasselt Du Scheissteil?“ „Du kannst hier nicht vorbei“, wiederholte das Zweihorn arrogant. „Na gut, Du Möchtegern-Einhorn, du hast es so gewollt“, erwiderte ich trocken und schlug der seltsamen Kreatur mit dem Vorderrad eins in die Fritte. Ein niedlich krachendes Geräusch verriet mir, dass da soeben jemand einen Zahn verloren hatte. „Oje, haben wir etwa ein Zähnchen verloren“, säuselte ich in süssem Tonfall. „Aber Moment mal, nur eine Zahnlücke sieht gemäss Feng Shui-Richtlinien nicht symmetrisch aus, da müsste auf der anderen Seite auch noch eine her.“ Little Porny glotzte mich dumm an und – paff – hatte sie bereits das Hinterrad quer in der Kauleiste. „So gefällst Du mir schon besser“, lachte ich, „willst Du mich immer noch nicht vorbei lassen?“ „Das wirst Du mir büssen“, wieherte das Zweihorn stinksauer und galoppierte wutentbrannt auf mich zu. Lässig hüpfte ich zur Seite, worauf Little Porny mit voller Wucht in einen dornigen Brombeerstrauch raste. „Na, ein bisschen Akupunktur für das bescheuerte Zweihorn? Soll ja gesund sein.“ Während ich mich kaputt lachte, sog mich die mysteriöse Nebelwolke plötzlich ein und spuckte mich Sekunden später irgendwo in der Südsee wieder aus.

Da stand ich also in meinen Winterkleidern mitsamt dem Fahrrad plötzlich in einem Eingeborenen-Dorf und blickte in etwa zwanzig verdutzte Gesichter. Um die angespannte Stille zu durchbrechen rief ich laut in die illustre Runde: „Hat jemand von euch zufällig die Coop-Supercard?“ Leises Gemurmel, Achselzucken und Kopfschütteln. „Wie sieht's mit Cumulus-Punkten von der Migros aus?“ doppelte ich nach. Da ging ein ehrfurchtvolles Raunen durch die Menge und die Eingeborenen fielen vor mir auf die Knie. „Cumulus“, wiederholten sie abermals, immer noch vor mir im Sand kniend. Natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass „Cumulus“ in der Sprache dieses Volkes „der Gott aus der Nebelwolke“ bedeutete. Jedenfalls brachten sie mir eine Schale mit irgendeinem Gebräu, dass wie eine Mischung aus frischer Kokosmilch und Hexenpisse schmeckte.  Da entdeckte ich auf dem Schild des Häuptlings das Wappen des Stammes: es war ein schwarzes Einhorn mit zwei Hörnern. „Holy Shit“, schoss es mir durch den Kopf, „das ist ja Little Porny, das bescheuerte Zweihorn.“ Wenn die wüssten, dass ich ihrem Wappentier mit meinem Fahrrad die Fresse poliert habe, dann würden sie das ganze Cumulus-Gott-Geplapper wohl nur noch halb so lässig finden. Und wenn sie wüssten, dass ich mit ihrem Cumulus-Gott etwa gleich viel gemeinsam hatte wie Motörhead mit einem abgelutschten Hundezwieback, dann wäre ich vermutlich gleich im Kochtopf des Medizinmannes gelandet. Währenddem ich über diese weltbewegenden Zusammenhänge nachdachte, sprangen mir plötzlich zwei rechtsradikale Kampf-Heuschrecken an die Kehle: „Geh weg da, unsere Götter sind die Pet Shop Boys“, grunzten sie in bester Death Metal-Manier. Gerade, als ich die nervigen Biester mit den blossen Händen zermalmen wollte, hörte ich ein lautes „Uuuhhh“. Zuerst dachte ich, dass Celtic Frost hier ein Benefizkonzert für einäugige Dinosaurier mit Tinnitus geben würden, doch dem war nicht so. Es waren vielmehr die Eingeborenen, die sich in Todespanik in alle Winde zerstreuten.

Ein kurzer Blick zum Meer sagte mir auch, weshalb. Nicht weit von uns lag ein riesiges Segelschiff vor Anker, an dessen Bug gross der Name „Bounty“ prangerte. Kurz darauf standen auch schon ein paar abgefuckte Matrosen vor mir. „Saletti zäme“, begrüsste ich die ausgehungerten Gestalten, „habt ihr zufällig einen Internetanschluss an Bord?“  Der Anführer zuckte nur mit den Schultern und antwortete erschöpft: „Die Kokosnüsse auf dem Schiff haben eine Meuterei angezettelt, deshalb sind wir nun auf der Suche nach dem sagenumwobenen Caramelsee, damit wir uns zukünftig von Raider ernähren können.“ „Raider heisst schon seit etwa 1985 Twix, ihr Schlaumeier“, entgegnete ich amüsiert. „1985?“ lachte der beinahe zahnlose Anführer, „wir befinden uns im Jahr 1172. Kolumbus hat noch nicht einmal Amerika entdeckt. Uns kannst Du nicht verarschen.“ Da dämmerte es mir auf einen Schlag: die Nebelwolke war eigentlich eine Zeitmaschine. Und sehr wahrscheinlich ist Little Porny aus Versehen in der falschen Zeit gelandet und hat mich mit jemandem verwechselt. Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, sauste die Nebelkugel vom Himmel hernieder und sog mich ein wie eine Spielfigur.

Einen Augenblick später sass ich wieder zu Hause auf der dunklen, nasskalten Strasse. Sofort rappelte ich mich auf, um Little Porny zu suchen. „Little Poooorny“, rief ich in die schwarze Nacht hinaus. Dummerweise spazierte genau in diesem Augenblick eine aufgetakelte Blondine an mir vorbei und knallte mir eine mitten ins Gesicht. „Ich nix Little Porny, ich Brischna von Kosovo. Du aufpassen, sonst gibt Schlag mitten im Gesicht von Brischna.“ „Potz Holzöpfel und Zipfelchappe“, sagte ich leise vor mich hin, „jetzt brauche ich aber wirklich ein Bier.“ Also machte ich mich auf den Weg ins Pub, als wäre nichts gewesen. Ich  nahm mir vor, niemandem etwas von meinen Erlebnissen zu erzählen, weil es ja sowieso niemand glauben würde. Doch was passierte dann? Kaum betrat ich das Pub, sah ich eine grölende Menschenmenge vor mir. In deren Mitte sass stinkbesoffen Little Porny, das bescheuerte Zweihorn, und verzapfte gutgelaunt irgendwelche Räubergeschichten aus fernen Welten in anderen Dimensionen. Ohne zu zögern ging ich zu Little Porny hin, klärte sie über das Missverständnis auf und entschuldigte mich bei ihr. „Hey, easy-peacy“, grinste sie nur und bestellte noch zwei Biere. Was soll ich sagen? Wir verbrachten alle einen sauglatten Abend miteinander.

© Text by Kermit der Frosch